Biografie

Aufgewachsen bin ich als yezidisch-kurdisches Flüchtlingskind in einer kleinen Gemeinde in Niedersachen. Ich war auf einer wundervollen Schule, die mich aufnahm, als hätte ich schon immer dazu gehört. Ich habe Abitur gemacht und ging als erste von meinen Geschwistern auf eine Universität. Insgesamt habe ich 15 Geschwister, davon zehn und ich von meiner Mutter und die anderen fünf von meinem Vater und seiner ersten Ehefrau. Meine Mutter war wiederum in erster Ehe mit dem Zwillingsbruder meines Vaters verheiratet, der traurigerweise von türkischen Soldaten auf einer Familienfeier im Osten der Türkei angeschossen wurde und infolge starb. Von meinen 15 Geschwistern sind zwei bereits tot. Eine jüngere Schwester von mir starb in Qulika/Nusaybin (Türkei/Nordkurdistan) im Alter von zwei Jahren ungefähr.

Im September 1985 war meine Familie gezwungen aus der Türkei zu fliehen, da Verfolgung, Unterdrückung und Übergriffe sowohl seitens des türkischen Staates als auch von muslimischen Nachbarn auf yezidisch-kurdische Familien ein lebensbedrohliches Ausmaß angenommen hatten. Meine Eltern lebten wie die anderen 81 yezidischen Familien in Qulika von der Landwirtschaft und Viehzucht. Die muslimischen Nachbarn – darunter auch muslimische Kurden – hatten es auf die Ländereien und Häuser der Yeziden abgesehen und gingen aggressiv, gewalttätig bis hin zu mordend gegen yezidische Dorfbewohner*innen vor.  Wir mussten fliehen, der türkische Staat beschützte uns nicht. Im Gegenteil: Unsere kurdische Kultur, Sprache (Kurmancî-Kurdisch) und Identität sowie die yezidische Religionsangehörigkeit waren ihm schon immer ein Dorn im Auge gewesen.

In Deutschland angekommen stellten meine Eltern im Herbst 1985 einen Antrag auf Asyl. Damals war ich fünf Jahre alt. Nach ca. drei Jahren wurde unser Antrag vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge abgelehnt. Unsere hervorragenden Rechtsanwälte fochten den Beschluss erfolgreich an. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir schließlich doch noch als politisch Verfolgte nach Artikel 16 GG anerkannt wurden und zwar 1995, also 10 Jahre später. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich gut integriert mit besten Leistungen in der Schule. Ich war in allen Fächern gut und interessierte mich eigentlich für alles. Ich hatte deutsche Freund*innen und in unserer Straße, der „Ausländerstraße“, einer Siedlung mit Sozialwohnungen für ökonomisch schwache Menschen, verbrachten wir Kinder viel Zeit mit den anderen Kindern, die überwiegend auch aus Einwandererfamilien stammten. Die Herkunft war uns Kindern nicht so wichtig. Wir respektierten uns gegenseitig. Ich lernte z.B. ein paar arabische Schimpfwörter von libanesischen Nachbarskindern, doch benutzten wir sie mehr zum Spaß. Insgesamt war es ein friedliches Zusammenleben und wir alle wollten bloß keinen Ärger mit den deutschen Behörden. Die Polizei fürchteten sowieso alle. In meiner Jugend wurde ich in den Folgejahren immer politischer. In der Schule gründeten wir die „AG für den Frieden“, um auf Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen, Antisemitismus, Antiziganismus und andere Formen der Menschenverachtung aufmerksam zu machen. In meiner Jugend und auch als Studentin engagierte ich mich noch nicht für die Rechte von Kurden. Das kam erst später.

Am 06. November 2000 wurde ich auf eigenen Wunsch eingebürgert und war ab diesem Moment deutsche Staatsbürgerin. An der doppelten Staatsbürgerschaft hatte ich kein Interesse. Die Türkei war so weit weg von mir und ich sprach noch nicht einmal Türkisch. Gefühlt hatte ich mit diesem Staat nichts zu tun, außer dass ich dort auf die Welt gekommen bin. Heute würde ich gerne meinen Geburtsort besuchen, um u.a. zu sehen, ob der einzige Baum weit und breit noch lebt, der in meinen Kindheitserinnerungen immer wieder auftaucht. Wir Kinder liebten diesen Baum, der am Rande unseres Dorfes Qulika stand. Wir haben uns dort oft zum Spielen versammelt. Auch will ich eines Tages die Ruhestätten meiner Vorfahren besuchen. Meine AKP-kritischen Postings auf Facebook und Twitter würden jedoch sehr wahrscheinlich zu Komplikationen bei der Ein- und Ausreise führen, da aktuell in der Türkei keine Rechtsstaatlichkeit mehr herrscht und regierungskritische Äußerungen in Null-Komma-Nix von den regierungstreuen Gerichten zu „Terrorpropaganda“ umgedeutet werden. Oppositionelle, Intellektuelle, Künstler*innen und Menschenrechtler*innen, die nicht im Sinne der AKP-Regime agieren, werden willkürlich inhaftiert. Es sitzen allein rund 4000 Tausend HDP-Politiker*innen aus politischen Gründen in Gefängnissen. Solange die Zustände in der Türkei so sind, Demokratie immer stärker abgebaut wird, werde ich mir sehr gut überlegen, ob ich dieses Land besuchen will.

 

 

 

 

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